| 2 Artikel | Textanfang / Anzahl Wörter |
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| Frankreich | (lat. Francia, Franco-Gallia; franz. la France; engl. France; ital. Francia; nach dem germanischen / 66165 |
| Frankreich _2 | Aus den offiziellen Daten über die Bevölkerungsbewegung im J. 1889 ergibt sich, daß / 6770 |
(1) Meyers Konversations-Lexikon, 1888 _ 6
1) das zentrale Hochland
2) die Bretagne mit außerordentlich gleichmäßigem, feuchtem Klima
3) das Seinebecken, welches verhältnismäßig regenarm ist und eine mittlere Stellung zwischen der Bretagne
4) Lothringen einnimmt, welch letzteres sich in Bezug auf Temperaturextreme bereits sehr Deutschland nähert;
5) das Rhônegebiet, welches mit seinem infolge wechselnden Reliefs sehr verschiedenen und wechselnden
6) der mediterranen Region der Provence und Languedoc vermittelt
7) des Garonnebeckens mit höherer Winterwärme
Politische Einteilung Frankreichs.
Zu- und Abnahme der Bevölkerung.
Charakter und Sinnesart der Franzosen.
Erwerbszweige. / Landwirtschaft.
1) das von Valenciennes in den Departements Nord und Pas de Calais
1) das Ministerium der Justiz und der Kulte; 2) der auswärtigen Angelegenheiten; 3) des Innern
2) der auswärtigen Angelegenheiten; 3) des Innern
1) Die Gendarmerie, beritten und zu Fuß
2) Infanterie. 144 Linienregimenter zu 4 Bataillonen à 4 Kompanien und 2 Depotkompanien pro Regiment. Jedes Regiment
1) Paris ist durch einen zweiten
2) die wichtigen Festungen sind
[Die französische Kriegsmarine.]
Frankreich unter den Karolingern (843-987).
Die Herrschaft der direkten Linie der Capetinger (987-1328).
Die Herrschaft der Valois und der hundertjährige Krieg mit England.
Begründung einer starken Königsmacht.
Rivalität mit dem Haus Habsburg.
Wiederherstellung der innern Ruhe und äußern Macht.
Frankreichs Blütezeit unter Ludwig XIV.
Ausbruch der Revolution. Die konstituierende Nationalversammlung.
Die Schreckensherrschaft des Konvents.
Die erste Restauration und die Hundert Tage.
Die zweite Restauration 1815-30.
Die Februarrevolution und die zweite Republik.
Das zweite Kaiserreich 1852-1870.
Der deutsch-französische Krieg.
Die Begründung der dritten Republik.
Die Herrschaft der dritten Republik.
Frankreich
(lat. Francia, Franco-Gallia; franz. la France; engl. France; ital. Francia; nach dem germanischen Stamm der Franken benannt), Republik, eins der Hauptländer Europas, erstreckt sich zwischen 42° 20' und 51° 5' nördl. Br. und 4° 42' westl. und 7° 39' östl. L. v. Gr.
Vgl. beifolgende
Karte »Frankreich«
.
[* 2]
| Übersicht des Inhalts. | |
| Lage und Grenzen | S. 508 |
| Bodenbeschaffen |
510 |
| Bewäs |
516 |
| Klima | 517 |
| Areal und
Bevölke |
517 |
| Politische
Ein |
518 |
| Zu- und Abnahme der
Bevölke |
518 |
| Na |
519 |
| Religion | 519 |
| Bil |
520 |
| Charakter und Sinnesart | 521 |
| Landwirt |
522 |
| Weinbau | 523 |
| Viehzucht | 523 |
| Fischerei | 524 |
| Forstwirt |
524 |
| Bergbau und Hüt |
524 |
| Industrie | 525 |
| Handel und Verkehr | 528 |
| Staats |
530 |
| Verwal |
531 |
| Rechtspflege | 532 |
| Finanzen | 532 |
| Heerwe |
533 |
| Marine | 537 |
| Kolonien | 537 |
| Wappen, Flagge | 538 |
| Litteratur, geogr. | 538 |
| Geschichte | 539 |
Frankreich
bildet den schmälsten Teil des europäischen
Kontinents und liegt überaus günstig zwischen zwei
Meeren, dem
Mittelländischen und Atlantischen. Die Mittelmeerküste (mit dem
Golfe du
Lion) hat etwas weniger als ein
Viertel
der
Ausdehnung
[* 3] der
¶
^[Leere Seite] ¶
atlantischen (mit dem Busen von Gascogne oder Viscaya). Den Meeresteil zwischen Frankreich
und England nennen die Franzosen La Manche
(Ärmelkanal), die Engländer Kanal;
[* 6] die engste Stelle desselben (33 km breit) heißt Pas de Calais, bei den Engländern Straße
von Dover.
[* 7] Die gegenüberliegenden Küsten beider Länder gleichen einander teilweise in ihrer geographischen
wie geognostischen Formation, woraus auf einen frühern Zusammenhang geschlossen worden ist. Die Küstenausdehnung beträgt 3120 km,
wovon 615 auf das Mittelländische Meer, 1385 auf den offenen Atlantischen Ozean (vom Viscayischen Busen bis zum Kap Corsen im
Departement Finistère) und 1120 km auf den Kanal, Pas de Calais und die Nordsee entfallen.
* 12 Deutschland.
Abgesehen von den Meeren, grenzt Frankreich
im S. an Spanien,
[* 8] wovon es die Pyrenäen, im O. an Italien
[* 9] und die Schweiz,
[* 10] wovon es die Alpen
[* 11] mit dem Jura trennen, weiterhin im O. an Deutschland
[* 12] (Elsaß-Lothringen),
[* 13] im NO. und N. an das Großherzogtum Luxemburg
[* 14] und Belgien.
Die Landgrenze hat eine Länge von 2170 km. Mit Ausnahme der im Mittelländischen Meer liegenden Insel Corsica
[* 15] bildet das Land eine ziemlich kompakte Masse von symmetrischer Gestalt. Eine Mittellinie, welche die nördlichste Spitze des
Landes bei Dünkirchen
[* 16] mit dem südlichsten Punkt bei Prats de Mollo in den Ostpyrenäen verbindet, teilt das Land, nahe
östlich an Paris
[* 17] vorbeigehend, in zwei fast gleich große und einander ähnliche Teile.
* 18 Genf.
Diese Linie hat eine Länge von 973 km. Die größte westöstliche Erstreckung, 888 km, erreicht das Land unter 48½° nördl. Br. auf einer Linie, welche, wiederum nahe an Paris vorbeigehend, den Vogesenkamm östlich von St.-Dié mit Kap Corsen verbindet. Ferner entspricht der Einbuchtung der atlantischen Küste gegen La Rochelle hin eine solche der Ostgrenze gegen Genf, [* 18] so daß hier die Breite [* 19] des Landes nur 550 km beträgt. Schließlich zerfällt auch die Südgrenze in zwei in einem stumpfen, dem bei Dünkirchen gebildeten ähnlichen Winkel [* 20] am südlichsten Punkte des Landes zusammenstoßende Stücke von nahezu gleicher Länge, so daß das ganze Land einem unregelmäßigen Sechseck ähnlich wird.
Die Wasser- wie die Landgrenze Frankreichs, erstere fast drei Fünftel, letztere mehr als zwei Fünftel, trägt einen wechselnden Charakter: gegen Italien und Spanien, d. h. gegen nahe verwandte Völker, ist sie durch hohe Gebirge (Alpen und Pyrenäen) gebildet und fest geschlossen;
gegen die Schweiz, Deutschland und Belgien, d. h. gegen die Germanen, ist sie durch Jura und Vogesen, beide leicht zu übersteigen, ja gegen Belgien hin nur durch den flachen Rücken der Ardennen gebildet, so daß sie als eine völlig offene anzusehen ist.
Gerade mit den verwandten lateinischen Völkern war daher der Verkehr erschwert und wesentlich auf das Meer hingewiesen, während gegen die germanischen Völker die Berührung, der Verkehr erleichtert war, die Gegensätze aber auch um so unvermittelter aufeinander stießen. Darum hier von jeher Kampf und Verrücken der Grenzen, [* 21] darum hier nach O. auch erleichtertes Einströmen erst römischer, dann französischer Kultur.
Auf die frühere Entwickelung höherer Kultur in Frankreich
hat aber, abgesehen von den zahlreichen hier noch vorhandenen Kulturkeimen
aus römischer Zeit, abgesehen von der größern Gunst der Bodenbeschaffenheit und des Klimas, die Lage am Mittelmeer und die
Beschaffenheit der Mittelmeerküste beigetragen. Dieselbe zerfällt in zwei morphologisch wesentlich
verschiedene Stücke, eine östliche Steilküste, die Küste der Provence, und eine westliche Flachküste, die von Languedoc.
* 22 Kreide.
Die Steilküste der Provence von Mentone bis zu den Rhônemündungen, zum Teil Granit, zum Teil Kreide [* 22] und tertiärer Kalk, ist außerordentlich reich an Buchten, Häfen, Vorgebirgen und vorgelagerten Felseninseln, reich an Naturschönheiten jeder Art, mit herrlichem Klima [* 23] und echt mediterraner Vegetation. Darum ließen sich hier früh Griechen nieder, an welche noch heute die Namen der blühenden Hafenstädte erinnern: Nizza [* 24] (Nicäa), Antibes (Antipolis), Marseille [* 25] u. a. Der Golf von Tropez und die Reede von Hyères mit den davorliegenden gleichnamigen Inseln bieten ganzen Flotten Schutz, und die fast ganz landumschlossene Bucht von Toulon [* 26] ist Frankreichs großer Kriegshafen am Mittelmeer. Am günstigsten war die Lage von Marseille, und dies ist darum am glänzendsten emporgeblüht.
* 27 Thal.
Eine enge, geschützte Bucht zog sich hier ins Land hinein, ein trefflicher Hafen, nahe der Rhônemündung, aber vor den Anschwemmungen
derselben geschützt, der natürliche Endpunkt der großen Handels-, Kultur- und Völkerstraße, welche
im Thal
[* 27] des Rhône (s. d.) aufwärts nach Nordfrankreich
, Mittel- und Nordeuropa führt. Westlich von Marseille ist die Küste
durch die Deltabildungen des Rhône und der Cevennen- und Pyrenäenflüsse beträchtlich vorgerückt, ganz ähnlich wie die
Küste der großen nordadriatischen Deltas.
Inseln sind hier landfest geworden, Meeresbuchten verlandet, Teile des Meers selbst, durch Dünen abgeschnitten, zu Strandlagunen (étangs) geworden, welche längs dieser ganzen, sich in flachen Kurven von der Felsenküste der Provence bis zu der der Pyrenäen schwingenden Küste gelagert sind. Dieselbe ist ihrer Entstehung nach ausgezeichnete Flachküste und hafenlos, nur mit großer Mühe und Kosten sind Kunsthäfen, wie der von Cette, zu schaffen und zu erhalten.
* 28 Bordeaux.
Folgen wir der Grenze, die gegen Spanien fast überall von dem hohen Kamm der Pyrenäen gebildet wird, der nur an seinem Ost- und Westende oder nahe demselben Übergänge bietet, zum Atlantischen Ozean, so finden wir, sobald wir uns von den Pyrenäen entfernen, von dem Flußhafen von Bayonne an wiederum bis zur Mündung der Gironde eine buchten- und hafenlose, von Dünen besetzte Flachküste, derjenigen von Languedoc durchaus ähnlich. Wie das Rhônebecken seinen Verkehr nur durch Marseille vermittelt, so das Garonnebecken durch Bordeaux, [* 28] am Flusse selbst, das unter dem Einfluß der mächtigen ozeanischen Flut, welche dem Mittelmeer fast völlig fehlt, noch weit oberhalb der Mündung sich zur großen Seehandelsstadt zu entwickeln vermocht hat.
Von der Gironde an ändert sich aber die Küstenbeschaffenheit; die Küste, die bis zur Bucht von Aiguillon Nord-, von da an Nordwestrichtung einschlägt, ist zwar auch noch flach, aber reich ausgebuchtet dadurch, daß hier das Meer in das Land eingebrochen ist und den ursprünglichen Küstensaum, der noch durch die vorgelagerten Inseln Oléron, Ré, Yeu und Noirmoutier bezeichnet wird, zerstört hat. Hier fehlte es daher nicht an guten Häfen, wie La Rochelle, Rochefort u. a., die aber jetzt anscheinend durch Aufsteigen dieser Küste immer unbrauchbarer werden, so daß sich der Verkehr mehr und mehr wie südwärts auf die Gironde-, so nordwärts auf die Loiremündung konzentriert, wo Nantes, [* 29] weniger begünstigt als Bordeaux, infolge der Versandung der Loiremündung den Großhandel immer mehr an St.-Nazaire abgibt. Mit der Mündung der Vilaine beginnt die Küste der Halbinsel Bretagne, welche ringsum bis zur Bucht von St.-Michel (s. d.) gleichen Charakter bewahrt. Es ist eine merkwürdig verwitterte und ausgebuchtete granitische Steilküste, die mit ihren zahlreichen vorgelagerten kleinen ¶
Granitinseln, Belle-Ile im S. die größte, Ouessant die westlichste, mit ihren fjordartigen Einschnitten an die Küste von Norwegen
[* 31] erinnert. Hier finden wir eine Fülle trefflicher, leicht zu verteidigender Buchten und Häfen (Morbihan, Quiberon, Lorient, Douarnenez,
Brest, St.-Brieuc u. a.), hier lebte schon zu Cäsars Zeit eine seetüchtige Bevölkerung,
[* 32] welche seit dem
Mittelalter Frankreich
die trefflichsten Fischer, Korsaren und Seehelden, die besten Matrosen der Kriegsflotte geliefert hat.
Nur der Handel vermochte sich in dem verhältnismäßig armen, abgelegenen Land nicht allzusehr zu entwickeln. Brest, der große Kriegshafen Frankreichs am Ozean, ist von der Natur am besten ausgestattet, an einer tiefen Bucht mit engem Eingang, an der Nordwestspitze den ^[richtig: des] Landes selbst. Steile, klippenumstarrte Landtrümmer sind auch die Normännischen Inseln, welche den großen zwischen der Bretagne und der Halbinsel Cotentin eindringenden Golf schließen.
* 33 Cherbourg.
Von hier an aber fehlt es an der französischen Küste, die bis gegen die Somme hin noch meist, wenn auch mäßig steil bleibt, recht im Gegensatz zur gegenüberliegenden englischen Küste, an guten Naturhäfen; es ist deshalb mit großen Kosten der Kriegshafen von Cherbourg [* 33] England gegenüber geschaffen worden, während wiederum ein überwiegend durch Kunst geschaffener Flußhafen, der von Le [* 34] Havre, [* 35] den Verkehr in sich vereinigt, seitdem Rouen, [* 36] ähnlich wie jetzt Nantes, für die großen Seeschiffe der Neuzeit nicht mehr zugänglich war.
Von der Somme an beginnt die von Dünen begleitete Flachküste, welche der südlichen Nordsee eigen ist. Boulogne, Calais [* 37] verdanken nur der Gunst der Lage am engsten Punkte des Kanals ihre Bedeutung; ihre Häfen, mit Hilfe kleiner Flüsse [* 38] geschaffen, sind nur Schiffen mäßiger Größe zugänglich. Wir erkennen durch diesen flüchtigen Überblick über die Meeresbegrenzung Frankreichs, daß dieselbe eine mäßig günstige ist und die Bedeutung der vier großen Flüsse wie für den innern, so auch für den äußern Verkehr recht hervortreten läßt.
Die Reliefformen Frankreichs zeigen eine reiche, günstige Gliederung, einen Wechsel von Ebenen, Hügel- und Berglandschaften, der nirgends Einförmigkeit aufkommen läßt, ohne daß aber, außer an der Südost- und Südgrenze, unbewohnbare Hochgebirge vorhanden wären. Dem Verkehr stellen sich daher im Innern Frankreichs nirgends erhebliche Schwierigkeiten entgegen, ja die einzelnen Flußsysteme sind einander so nahe gerückt und durch so mäßige Höhen voneinander geschieden, daß sie alle durch Kanäle miteinander haben in Verbindung gesetzt werden können.
Die größten Erhebungen Frankreichs liegen im S. und O., so daß die allgemeine Abdachung des Landes eine nordwestliche ist und demnach die Hauptflüsse, mit einer Ausnahme, zum Ozean gehen. Als den Kern und vielleicht den geologisch ältesten Teil von Frankreich haben wir das sogen. Zentralplateau anzusehen, eine mächtige, sich in viele Unterabteilungen gliedernde Scholle von Granit, Gneis und kristallinischen Schiefern mit zahlreichen vulkanischen Durchbrüchen und umlagert von jüngern sedimentären Bildungen, welche die historischen Landschaften der Auvergne, Lyonnais, Bourbonnais, Marche, Limousin, Guienne und Languedoc ganz oder teilweise füllt. Es bildet mit ungefähr 80,000 qkm mehr als ein Siebentel von Frankreich und ist sein wichtigstes Wasserreservoir, rings von Ebenen umschlossen, durch das Thal des Rhône und der Saône von Alpen und Jura, durch die Einsenkung von Castelnaudary, durch welche der Canal du Midi in einer Höhe von 190 m geführt ist, von den Pyrenäen getrennt und nur nach NO. mit den östlichen Grenzgebirgen, den Vogesen und Ardennen, in erkennbarem orographischen Zusammenhang.
Die Abdachung dieses zentralen Hochlandes ist eine entschieden westliche und nordwestliche. Es läßt sich in zwei Unterabteilungen zerlegen: eine östliche, welche den gehobenen, steil zur Ebene von Languedoc und dem Rhône-Saônethal abfallenden Rand des Hochlandes bildet und hier und da, am deutlichsten in den Cevennen, den Charakter einer Gebirgskette trägt, und eine westliche, das Hochland von Auvergne. Ursprünglich war ganz Zentralfrankreich wohl eine Hochebene von ca. 1000 m Höhe, die ihr jetziges wechselndes Relief erst durch die Meteorwasser, welche tiefe Thäler erodiert und Einsenkungen ausgefüllt haben, sowie durch vulkanische Thätigkeit erhalten hat, welche dem granitischen Plateau zahlreiche trachytische und basaltische Kegel aufgesetzt und weite Flächen mit mächtigen Lavaschichten bedeckt hat.
Betrachten wir zunächst den östlichen Plateaurand, so wollen wir das Stück desselben von der erwähnten Einsenkung von Castelnaudary bis zu der kaum minder bedeutungsvollen von St.-Etienne, welche Rhône und Loire verbindet, mit dem Namen der Cevennen bezeichnen. Dem ganzen Zug ist eigen ein südlicher und östlicher Steilabsturz, von welchem zahlreiche kleine Flüsse in tiefen, kaskadenreichen Thälern zur Ebene von Languedoc oder zum Rhône hinabeilen. Von dieser äußern Seite ist das Gebirge schwer zu ersteigen, während es an der innern nur ausnahmsweise den Eindruck eines Gebirges, vielmehr den eines sanft ansteigenden Plateaus macht.
Die Wasserscheide zwischen den zum Mittelmeer und den zum Ozean gehenden Flüssen ist eine vielgewundene Linie, welche nicht über die höchsten Gipfel geht. Kein einziger Fluß durchbricht das ganze Gebirge, aber die Quellen der westlichen Plateauflüsse liegen meist außerordentlich nahe am östlichen Absturz. In früherer Zeit machte dieses Hochfrankreich sich allerdings als ein scharf individualisiertes Gebiet geltend, es wurde von den Verkehrswegen umgangen, seine Bevölkerung nahm weniger an den großen Bewegungen teil, wie zum Teil auch noch heute; aber den modernen Verkehrsmitteln gegenüber beginnt seine Abgeschlossenheit zu schwinden, eine Eisenbahn zieht vom Allierthal mitten durch die Cevennen nach Nîmes, eine andre mitten durch den Cantalstock aus dem Allier- zum Lotthal.
Wir unterscheiden in den Cevennen folgende Unterabteilungen: Zunächst erheben sich an der Senke von Castelnaudary die Montagnes Noires (s. d.), an diese schließen sich die Monts de l'Espinouse an, in denen der einseitige Steilabfall zuerst hervortritt, das Quellgebiet des Agout, eines Nebenflusses des Tarn, während sie wiederum das Thal des Orb von den Garriguesbergen trennt, in denen sich das System fortsetzt, um jenseit des Héraultthals in die Cevennen im engern Sinn überzugehen, denen sich hier nach W. im obern Lot- und Tarngebiet, ja südöstlich bis an die Abdachung des Gebirges selbst am mittlern Hérault heranreichend, die merkwürdige Jurakalkplatte der Causses (s. d.) anschließt. Die Cevennen (s. d.) im engern Sinn bestehen überwiegend aus Granit, von ihrem mächtigen südwestlichen Eckpfeiler, dem Mont Aigoual (1567 m) an bis zu dem noch mächtigern, dem Granit aufgesetzten Phonolithdom des Mézenc (1754 m). Die massigste Erhebung des ganzen Systems, aber nur im S. und O. als Gebirge erscheinend, ¶
Fortsetzung Frankreich:
(2) Meyers Konversations-Lexikon, 1888 _ 18
Aus den offiziellen Daten über die Bevölkerungsbewegung im J. 1889 ergibt sich, daß die Zahl der Geburten (exkl. Totgeborne) abermals und zwar gegen das Vorjahr um 2060, gegen 1887 um 18,754 abgenommen hat. Noch stärker haben sich allerdings die Sterbefälle, nämlich um 49,934 gegen 1888 vermindert. Die Eheschließungen, 272,934, weisen seit 1870 die niedrigste Ziffer auf. Die französischen Universitäten waren im Schuljahr 1889/90 von 16,587 Studierenden, darunter 1271 fremden, besucht.
Seit 1875, wo die Zahl der Studenten nur 9863 betrug, ist dieselbe um 66 Proz. gestiegen. Die 16,587 Studenten verteilen sich wie folgt auf die einzelnen Fakultäten: Medizin 5843, Rechte 4570, Philosophie 1834, Mathematik und Naturwissenschaften 1278, höhere Pharmazeutenschule 1590, pharmazeutische Fachschule 1371, protestantische Theologie 101. Auf Paris allein entfallen 8653 Studenten, also mehr als die Hälfte der Gesamtzahl. Die medizinische Fakultät von Paris wird von 4319 Studenten besucht. Von den 1271 fremden Studenten kommen 1078, also 85 Proz., auf die Pariser Hochschulen.
* 39 Ernte.
Die Ernte [* 39] in Weizen wird für das Jahr 1890 mit 108,5 Mill. hl angegeben, wovon 101 Mill. zum Mahlen taugliche Frucht war. Der Ertrag, welcher 95 Proz. einer Mittelernte ausmacht, wurde noch dadurch geschmälert, daß das natürliche Gewicht des Kornes fühlbar geringer ist als im Vorjahr. Die Weinernte belief sich in den Jahren 1889 und 1890 auf 23,223,150, bez. 27,416,327 hl, d. h. um 6,7, bez. 2,26 Mill. hl weniger als im Durchschnitt der letzten 10 Jahre.
Das schlechte Ergebnis ist der Phylloxera und andern Erkrankungen der Weinstöcke zuzuschreiben. Die Qualität des Weines war allerdings sehr befriedigend. Man schätzte den Wert der Weinernte 1889 auf 881 Mill., 1890 aber auf 988 Mill. Fr. Der Ausfall der Ernte wurde auch 1889 durch die Einfuhr fremder, insbesondere spanischer Weine gedeckt. Die Weinfabrikation aus Trestern mit Zuckerzusatz sowie die aus getrockneten Weintrauben ist fortgesetzt im Abnehmen begriffen; erstere betrug 1889: 3,305,000 hl gegen 4,693,000 hl im J. 1888, letztere 1,826,000 gegen 2,220,000 hl. Namentlich gegen die letztere Fabrikation machte sich eine lebhafte Agitation der Weinproduzenten geltend. Da jedoch bis 1892 der Eingangszoll auf trockne Trauben (nach dem portugiesischen Handelsvertrag, der infolge der Meistbegünstigung auch für die wichtigsten Provenienzen, Türkei [* 40] und Griechenland, [* 41] gilt, 6 Frank pro 100 kg) nicht erhöht werden kann, wurde der Vorschlag gemacht, die Fabrikation von aus trocknen Trauben erzeugtem Weine mit einer Steuer zu belasten. In der That ist durch Gesetz vom 27. Juli 1890 der aus getrockneten Weinbeeren fabrizierte Wein mit einer Abgabe von 40 Cent. für jeden Grad Alkoholgehalt bis zu 10° und von 60 Cent. für jeden Grad von 10–15° belegt worden. An Apfelwein wurden 1890: 11 Mill. hl (1,1 Mill. weniger als im zehnjährigen Durchschnitt) gewonnen.
* 42 Eisen.
Der Berg- und Hüttenbetrieb lieferte als Hauptprodukte im J. 1889: 24,588,888 Ton. Mineralkohle (um 1,985,986 T. mehr als im Vorjahr) und 1,722,480 T. Roheisen (gegen 1,683,349 T. im J. 1888). Das Roheisen wurde fast durchgehends, nämlich 1,708,328 T., mittels Koksfeuerung gewonnen. Raffiniertes Eisen [* 42] wurde in einer Menge von 793,358 T. (um 23,615 T. mehr als 1888), von Stahl wurden 529,021 T. (um 11,727 T. mehr) hergestellt. Von letzterer Menge kamen 145,347 T. auf Schienen (27,711 T. weniger), 294,951 T. auf Stahl in Stäben (um 35,887 T. mehr), 88,723 T. auf Blech (3551 T. mehr).
Bessemerstahl figuriert mit 304,786, Siemens- und Martinstahl mit 183,100 T. Die französische Kohlenproduktion genügt bekanntlich dem Bedarf bei weitem nicht, es müssen jährlich ca. 12 Mill. T. aus dem Ausland (Belgien, England, Deutschland) eingeführt werden. Angesichts dieses Umstandes wurde in Frankreich neuerdings die Kalamität viel besprochen, welche beim Ausbruch eines Krieges in Bezug auf den Kohlenbedarf der französischen Eisenbahnen, Kriegsschiffe, Hochöfen etc. entstehen müßte.
Die französischen Bergwerksarbeiter werden zufolge Gesetzes vom 8. Juli 1890 in Zukunft an der Aufsicht über die Sicherheit ihres Lebens und ihrer Arbeit selbst teilnehmen. Bisher haben die Unternehmer über die Sicherheit des Betriebes ihrer Gruben gewacht und Staatskontrolleure diese Überwachung ergänzt. Von nun an wird in den Bergwerken eine dritte Kontrolle, und zwar die der Arbeiter selbst, eingeführt; dieselben haben für je 750 Arbeiter einen Delegierten zu bestellen, dessen Aufgabe es ist, im Namen der Arbeiterschaft die Bergwerke seines Bezirks regelmäßig zu inspizieren und durch genaue Untersuchung der Vorrichtungen, welche für die Sicherheit der Arbeiter getroffen sind, Unglücksfällen zuvorzukommen. An dem Erfolg dieser Maßregel wird übrigens deshalb gezweifelt, weil der Senat die Bestimmung, wonach die Delegierten einen Gehalt aus der Staatskasse bezogen hätten und dadurch unabhängig gestellt worden wären, verworfen hat.
Die französischen Kammern beschäftigten sich auch sonst mehrfach mit sozialpolitischen Gesetzentwürfen, wozu die Berliner [* 43] Arbeiterschutzkonferenz eine besondere Anregung bot. So bildeten die Arbeiterschiedsgerichte (conseils de prud'hommes) und ihre Weiterentwickelung, die Altersversicherung der Arbeiter, die Haftpflicht für Unfälle von Arbeitern im Industriebetrieb, die Arbeitsbücher, die Nachtarbeit der Frauen und Kinder etc. den Gegenstand von Gesetzentwürfen und Regierungsvorlagen sowie von Beratungen der beiden Kammern, ohne daß diese Fragen jedoch zu einem vollständigen Abschluß gelangt wären. Der 1. Mai 1890 ist in Frankreich ohne eine größere öffentliche Kundgebung der Arbeiter verlaufen. Es wurde nur in der Kammer eine Petition wegen Beschränkung des normalen Arbeitstags im Wege internationaler Gesetzgebung auf 8 Stunden überreicht. Dagegen sind in den Maitagen größere Streits, namentlich im ¶
Manufakturdistrikt von Roubaix-Tourcoing, späterhin unter den Grubenarbeitern von St.-Etienne und unter den Tüllarbeitern von Calais ausgebrochen. Über den Stand der Industrie liegen nur hinsichtlich einiger Gewerbszweige Nachrichten vor. Im J. 1889 wurden im Inland 7577,6 kg Gold- und 76,720 kg Silberwaren erzeugt, bez. der Kontrolle hinsichtlich des gesetzlichen Feingehalts unterzogen. Hiervon wurden unter Rückerstattung der Gebühren 261 kg Gold- und 1685,4 kg Silberwaren ausgeführt.
Außerdem wurden an Gegenständen, welche für die Ausfuhr gestempelt waren oder der Stempelung nicht unterlagen, 1273,2 kg Gold- und 6995,3 kg Silberwaren exportiert, wogegen aus dem Ausland 807,6 kg Gold- und 7390,1 kg Silberwaren eingeführt wurden. Die Alkoholproduktion belief sich im J. 1889 auf 2,185,106 hl, welche hauptsächlich aus Rüben, Mais und Melasse gewonnen wurden. Eine Zunahme hat sich nur in der Gewinnung von Alkohol aus Zuckerrüben (gegen das Vorjahr um 169,400 hl mehr) und zwar auf Kosten der übrigen Zweige ergeben. Sehr günstig gestaltete sich die Zuckerproduktion; dieselbe betrug in der Campagne 1889/90 ca. 750,000 Ton. Rohzucker gegen 464,000 T. im Vorjahr.
Der französische Außenhandel ergab im J. 1889, verglichen mit 1888, folgende Wertsummen in Millionen Frank:
| Einfuhr: | 1889 | 1888 | Ausfuhr: | 1889 | 1888 |
|---|---|---|---|---|---|
| Nah |
1407.3 | 1488.8 | Nah |
816.8 | 709.4 |
| Roh- u. Hilfs |
2060.2 | 1959.5 | Roh- u. Hilfs |
784.9 | 699.6 |
| Fabrikate | 574.9 | 539.7 | Fabrikate | 1793.5 | 1637.9 |
| Andre Waren | 132.6 | 119.0 | Andre Waren | 213.4 | 199.8 |
| Zusam |
4175.0 | 4107.0 | Zusam |
3608.6 | 3246.7 |
Die Einfuhr des Jahres 1889 übersteigt die des Vorjahrs um 68 Mill. Fr., obgleich die gute Ernte 1889 in Cerealien und sonstigen Bodenfrüchten es möglich gemacht hat, die Einfuhr an Nahrungsmitteln um 81 Mill. Fr. zu reduzieren; die Mehreinfuhr fand insbesondere in Rohstoffen (um 100 Mill. Fr.), dann auch in Fabrikaten (um 35 Mill. Fr.) statt. Die Ausfuhr hat sich sogar um 362 Mill. Fr. oder 11 Proz. gesteigert, bei welcher Steigerung alle Warengruppen beteiligt sind. Im einzelnen ist betreffs der Einfuhr besonders der Wein hervorzuheben.
* 45 Reblaus.
Die Reblaus [* 45] hatte die Weinproduktion dieses ersten Weinlandes der Welt so herunter gebracht, daß vor einigen Jahren Frankreich für mehrere Hunderte von Millionen Frank mehr Wein vom Ausland kaufte, als es dorthin verkaufte. Seit 1886 ist nun die Weineinfuhr wieder von 517 auf 387 Mill. Fr. im J. 1889 gefallen, obwohl im letzten Jahre die Ernte quantitativ um etwa ein Viertel geringer, wenn auch qualitativ besser war als 1888. Dabei ist eine bedeutende Verschiebung in den Bezugsquellen eingetreten. 1886 bezog Frankreich aus Italien noch ca. 1 Mill. hl Wein, 1889 nur noch ca. 100,000 hl, während der französische Weinimport aus Algerien [* 46] in diesen vier Jahren von 487,000 auf 1,580,817 hl stieg. Spanien lieferte an Frankreich im J. 1889 fast 7 Mill. hl Wein. Die französische Weinausfuhr ist um ein Geringes gestiegen: 251 gegen 242 Mill. Fr. im J. 1888. Frankreich führte also immer noch für 136 Mill. Fr. mehr Wein ein als aus. Die Einfuhr von lebendem Schlachtvieh (75,5 Mill. Fr. im J. 1889) hat um 2½ Mill. Fr. ab-, dagegen die von Fleisch (45,9 Mill. Fr.) um 11½ Mill. Fr. zugenommen.
* 55 Möbel.
Diese Veränderungen beruhen auf dem Verbot der Einfuhr lebender Schafe [* 47] aus Deutschland und Österreich-Ungarn, welches trotz den Bemühungen der betroffenen Länder und den Schritten der interessierten Kreise [* 48] in Frankreich (Fleischer und Gerber) nicht aufgehoben worden ist, dafür aber den großartig gesteigerten Transport geschlachteter Schafe nach Frankreich zur Folge gehabt hat. Die Einfuhr von Zucker [* 49] (58,9 Mill. Fr.) hat sich um 20 Mill. Fr. vermindert. Fast alle Rohstoffe, mit Ausnahme von Kohle, Holz, [* 50] Kupfer [* 51] und einigen andern Artikeln, haben in der Einfuhr bedeutend zugenommen; erwähnt seien Schafwolle (378 gegen 341 Mill. Fr.), Seide [* 52] (269,7 gegen 192 Mill.), Baumwolle [* 53] (186,6 gegen 157,8 Mill.), rohe Felle (163,7 gegen 135,1 Mill. Fr.). Zu den durch Mehreinfuhr hervorragenden Fabrikaten gehören insbesondere: Seidenstoffe (61,1 gegen 50,5 Mill. Fr.), Maschinen (44,2 gegen 37,6 Mill.), Papier und Drucksachen (36,9 gegen 31,8 Mill.), Schmucksachen [* 54] (15,5 gegen 9,5 Mill.), Kleider (11,1 gegen 7,2 Mill. Fr.). Dagegen haben Schaf- und Baumwollwaren, Möbel [* 55] und chemische Produkte in der Einfuhr abgenommen.
Die starke Vermehrung des französischen Exports um 362 Mill. Fr. verteilt sich mit 107,3 Mill. auf Nahrungsmittel, [* 56] mit 84,3 Mill. auf Rohstoffe, mit 155,6 Mill. auf Fabrikate und mit 13,5 Mill. Fr. auf verschiedene Waren. Unter den Nahrungsmitteln, deren Ausfuhr im J. 1889 einen bedeutenden Aufschwung nahm, steht roher und raffinierter Zucker (47,2 und 58,6 gegen 16,2 und 48,5 Mill. Fr.) mit einem Mehr von 41 Mill. Fr. gegen das Vorjahr obenan. Zugenommen hat ferner insbesondere die Ausfuhr von Butter (101 gegen 84 Mill. Fr.), Schlachtvieh (42,3 gegen 35,4 Mill.), Eiern (26,7 gegen 23,7 Mill.), Fett (24,2 gegen 16,6 Mill.) und Fleisch (16,5 gegen 14 Mill. Fr.). Unter den Rohstoffen hat die Ausfuhr von Eisen und Stahl eine bedeutende Vermehrung (22,7 gegen 9,3 Mill. Fr.) erfahren.
Kupfer hat seine Ausfuhr verdoppelt (28,5 gegen 14,3 Mill. Fr.). Ansehnliche Mehrausfuhr haben ferner zu verzeichnen: Schafwolle (154,3 gegen 131,5 Mill. Fr.), Seide (133,4 gegen 116,9 Mill Fr.) und Palmöl (32,4 gegen 24,7 Mill. Fr.). Eine Ausfuhrabnahme ist nur bei Schmuckfedern (28 gegen 39 Mill. Fr.) bemerkenswert. Fast alle Zweige der Textilindustrie zeigen bedeutende Zunahmen in der Ausfuhr ihrer Produkte, so die Schafwollweberei (335,7 gegen 323,4 Mill. Fr.), Seidenweberei (247,9 gegen 223,2 Mill.), Baumwollweberei (113,9 gegen 106,2 Mill.) und Schafwollspinnerei (50,9 gegen 37,2 Mill. Fr.). Außerdem nahmen wesentlich zu: die Ausfuhr von gegerbten Fellen (107,9 gegen 92,3 Mill. Fr.), Werkzeugen (92,3 gegen 71 Mill.), Modewaren und Kunstblumen (106,5 gegen 97,4 Mill.), Schmucksachen (60,2 gegen 54,9 Mill.), Maschinen (42,4 gegen 35,3 Mill.), Möbeln (35,5 gegen 29,4 Mill.) und Wäsche (42,7 gegen 35,4 Mill. Fr.). Nur Bücher zeigen eine Abnahme um 1½ Mill. Fr. und merkwürdigerweise Damenkleider (von 36,6 auf 29,1 Mill. Fr.). Die Resultate des Außenhandels des Jahres 1889 sind sonach sehr günstige; doch darf nicht übersehen werden, daß dieses Jahr mit der über alles Erwarten gelungenen und besuchten Pariser Weltausstellung, dem nach Paris gerichteten Fremdenstrom und dem hierdurch gehobenen Verkehr ein anormales war.
Die Handelspolitik bildete im J. 1890 einen wichtigen Gegenstand der öffentlichen Diskussion in Frankreich, wobei sich die schutzzöllnerischen Elemente am meisten geltend zu machen wußten. Außer den Vertretern der Landwirtschaft sprachen sich auch die meisten Handelskammern, mit Ausnahme jener in den größern Hafenstädten, wie insbesondere Marseille, für die Kündigung und Nichterneuerung der Handelsverträge aus, an deren Stelle sie einen höhern Generalzolltarif und einen niedriger gestellten Tarif für ¶
jene Länder, welche Frankreichs Handel begünstigen, zu setzen wünschten. Nachdem auch der oberste Handels- und der Ackerbaurat ihr Votum abgegeben hatten, legte der Handelsminister im Oktober 1890 der Kammer den Entwurf des Generalzolltarifs vor, welcher in einen Maximaltarif zur Regelung der Beziehungen Frankreichs gegenüber denjenigen Staaten, welche Frankreich keine Begünstigungen einräumen, und in einen Minimaltarif, welcher ausschließlich für jene Nationen bestimmt ist, welche den französischen Handel begünstigen, zerfällt.
Hiernach sollen unter anderm rohe Schafwolle, Baumwolle, Flachs, Hanf und Jute, [* 58] rohe Häute und Felle zollfrei bleiben. Bezüglich der Posten Cerealien und Vieh will sich Frankreich die Aktionsfreiheit in Bezug auf die Tarifierung vorbehalten, doch ist der Zollsatz auf Vieh statt wie bisher nach dem Stück nach Lebendgewicht bestimmt. Ölfrüchte werden nach den erhöhten Zollsätzen auf Öl behandelt. Die Zollsätze auf Holz werden erhöht, diejenigen auf Steinkohlen bleiben wie bisher.
* 59 Gewebe.
Die Zölle auf Stahl werden herabgesetzt, auf chemische Produkte im bisherigen Stande erhalten; jene auf ausländische Weine werden nach dem Alkoholgehalt berechnet, die Zölle auf Bier erhöht. Endlich werden Garne und Gewebe [* 59] aus Flachs, Hanf und Baumwolle nach den Zolltarifsätzen vom Jahre 1881 behandelt. Auch noch für die Zwischenzeit bis 1892 wußten die Protektionisten einige Zollerhöhungen in der Kammer durchzusetzen. So wurde für Mais und Reis ein Einfuhrzoll von 3 Fr. (für Reis in Körnern 8 Fr.), für Melasse je nach dem Zuckergehalt von 1,40, 2,50 und 5 Fr. pro 100 kg festgesetzt.
Von den bestehenden Handelsverträgen ist der französisch-türkische Vertrag zuerst, nämlich schon 13. März 1890, abgelaufen. Es wurde beschlossen, diesen Vertrag nicht zu erneuern, um nicht kurz vor dem Ablauf [* 60] aller übrigen Verträge neue Verbindlichkeiten zu schaffen, und wurde nur auf Grund einer Klausel des zwischen beiden Nationen 1802 abgeschlossenen Freundschaftsvertrags die Meistbegünstigung im Verkehr mit der Türkei anerkannt. Über diese Frage ist bekanntlich das Ministerium Tirard gefallen, weil beim Meistbegünstigungsregime die Einfuhr getrockneter Trauben aus der Türkei, deren Beschränkung gefordert wurde, nicht gehindert werden konnte.
* 61 Kraft.
Das Ministerium Freycinet fand nun den Ausweg aus dieser Schwierigkeit in der Dekretierung der Besteuerung des Rosinenweins (s. oben), wonach das Meistbegünstigungsregime gegenüber der Türkei nicht weiter angefochten wurde. Ein Gesetz vom 19. Juli 1890 regelt die Handelsbeziehungen Frankreichs zu Tunis. Da man den Abschluß einer Handelskonvention mit Tunis vermeiden und auch die Regentschaft nicht in das französische Zollgebiet aufnehmen wollte, wurde das Zugeständnis dahin gemacht, daß Cerealien, Öl, lebende Tiere, Geflügel und Wild bei der Einfuhr nach Frankreich vollständig zollfrei sind, tunesische Weine einen ermäßigten Zoll (0,60 Fr. pro Hektoliter) und alle übrigen aus Tunis stammenden Waren beim Eintritt nach Frankreich die niedrigsten Zollsätze, welche für gleichartige fremde Produkte in Kraft [* 61] stehen, zu entrichten haben. Gewisse Beschränkungen in Bezug auf die Menge der aus Tunis einzuführenden Waren, die Verschiffungshäfen und Beibringung von Ursprungsattesten, sollen verhindern, daß fremde Produkte ihren Weg über Tunis nach Frankreich nehmen.
Die Schiffahrtsbewegung in den französischen Häfen zeigt im J. 1889 gegen die Vorjahre einen Rückgang. Der Tonnengehalt der ein- und ausgelaufenen Schiffe [* 62] betrug nämlich 10¾ Mill. Ton. gegen 11⅓ Mill. T. im J. 1888 und 11 Mill. T. im J. 1887. Die erste Stelle nimmt, wie immer, Marseille mit 3½ Mill. T. ein, hiernach kommt Havre mit 1,7 Mill., Bordeaux mit 1 Mill. T. Während der Verkehr in diesen Häfen etwas zurückgegangen ist, macht nur Dünkirchen bedeutende Fortschritte; der Verkehr stieg nämlich von 658,000 T. im J. 1887 auf 661,000 T. im J. 1888 und auf 830,000 T. im J. 1889. Auch der Stand der französischen Handelsmarine hat sich nicht entsprechend der Entwickelung dieses Zweiges in andern Ländern gehoben.
Die Dampferflotte Frankreichs, welche sich in den Jahren 1879–84 von 255,959 bis zum höchsten Stande von 511,072 T. aufgeschwungen hatte, ist seither zurückgegangen und betrug 1889: 492,684 T. Immerhin ist in dem Dezennium 1879–1889 der Anteil, welchen die französische Flagge an der maritimen Bewegung Frankreichs hatte, von 33,4 auf 38,7 Proz. gestiegen, und man schreibt dieses relativ günstige Resultat hauptsächlich dem System der Schiffahrtsprämien zu. Viel größer ist allerdings die Vermehrung der fremden Marinen, und Frankreich hat den zweiten Rang, den es in Bezug auf die Dampferflotte 1879 behauptete, seither an Deutschland abgeben müssen (vgl. Dampfschiffahrt, S. 177). Wenn man auch die Segelschiffe in Betracht zieht, nimmt Frankreich mit seiner gesamten Handelsmarine sogar nur den neunten Rang unter den seefahrenden Nationen ein. Im Hinblick auf diese Verhältnisse wurden durch Gesetz vom 31. Juli 1890 die Bestimmungen des Gesetzes vom 29. Jan. 1881, betreffend die Schiffahrtsprämien, vorläufig bis zum 29. Jan. 1892 in Kraft erhalten.
Auf den Handel beziehen sich noch folgende, in letzter Zeit erlassene Gesetze und Verfügungen: die Einsetzung eines beratenden Ausschusses der Konsulate im Ministerium des Äußern, welche die Einleitung einer Reform des Konsulatswesens bilden soll, die Besteuerung ausländischer Handelsreisenden, Marktkrämer und Hausierer, welche bisher der Gewerbesteuer, wenn sie auf dem Landweg nach Frankreich kamen, nicht unterzogen wurden. Infolge der gegen die großen Pariser Magazine gerichteten Agitation der Kleingewerbtreibenden und Detailhändler ist die Erwerbsteuer dieser prosperierenden Unternehmungen im Budget pro 1891 erheblich höher eingestellt, indem sowohl die fixe Gebühr als die Taxe nach der Kopfzahl der Angestellten verdoppelt wurde. Das Institut der französischen Handelskammern im Ausland hat sich bis zu 30 solcher Kammern ausgedehnt, wovon aber nur 16 staatlich subventioniert sind; neuerdings wurde die weitere Vermehrung dieser Körperschaften und die Subventionierung derselben in Erwägung gezogen. Die in Paris bestehenden ausländischen Handelskammern haben beschlossen, ein internationales Schiedsgericht für streitige Handelssachen zu errichten.
Das französische Eisenbahnnetz hatte Ende 1889 eine gesamte Betriebslänge von 33,174 km, d. h. um 542 km mehr als am Schlusse des Vorjahrs. Hierin sind die Lokalbahnen nicht eingerechnet, welche gleichzeitig eine Ausdehnung von 2944 km hatten und gegen Ende 1888 um 558 km zugenommen hatten. Das Staatsbahnnetz hatte Ende 1889 eine Betriebslänge von 2628 km. Die auf den französischen Eisenbahnen im J. 1889 erzielten Einnahmen beliefen sich auf 1132 Mill. Fr. (81,7 Mill. Fr. mehr als im J. 1888), pro Kilometer 34,433 Fr. (um 1750 Fr. mehr als 1888). Die Einnahmen der Staatsbahnen [* 63] berechneten sich auf 35,5 Mill. Fr. (1,3 Mill. Fr. mehr als 1888) oder pro Kilometer auf 13,550 Fr. Die größte Betriebslänge (8024 km) und die höchste Einnahmeziffer (345,5 Mill. Fr., pro Kilometer 43,601 Fr.) zeigt die Paris-Lyon-Mittelmeerbahn. ¶
Fortsetzung Frankreich:
Meyers Konversations-Lexikon, 1888; Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892; 6. Band: Faidit - Gehilfe, Seite 508; .
http://www.peter-hug.ch/lexikon/frankreich
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